Kopflüftete: Auszeit im Hotel Castell in Zuoz

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Mitte Januar war es Zeit für eine Kopflüftete. Die Strapazen des Endjahresspurts noch in den Knochen, bzw. im Kopf, spürte ich, dass ich dringend Ruhe und Erholung nötig hatte, ja, es mir einfach wieder mal gutgehen lassen wollte. Ein paar Tage im verschneiten Engadin sollten da Abhilfe schaffen. «The Fine Art of Relaxing», wie sich das Hotel Castell in Zuoz anpreist, sollte dafür genau das Richtige sein.

Das Hotel Castell in Zuoz: Mächtig und doch liebevoll eingebettet in die Natur.
Das Hotel Castell in Zuoz: Mächtig und doch liebevoll eingebettet in die Natur.

Es war einer dieser Tage im Januar. Ihr wisst schon, dann, wenn man nur noch weg will. Der Himmel so grau wie die Stimmung und eine Änderung weit und breit nicht in Sicht. Wie gut, dass zu der Zeit das Engadin rief. Also ab ins Auto in Richtung Bündnerland und bei Klosters auf den Autozug durch den Vereinatunnel in Richtung Engadin.

Neunzehn Kilometer oder 18 Minuten später hellt die Stimmung schon merklich auf: Blauer Himmel und Sonnenschein lassen den gestressten Unterländer auf der Suche nach Erholung aufatmen. Runter vom Autozug und schon lassen verschneite Hänge und eine malerische Umgebung den Blick schleifen, während gleichzeitig die schneebedeckten Strassen nach etwas mehr Aufmerksamkeit rufen. Dann, eine knappe halbe Stunde später, der kleine Ort Zuoz scheint schon fast passiert, eine unscheinbare Auffahrt, ein paar Spitzkehren, und plötzlich steht man auf einem Felsvorsprung, auf dem das Hotel Castell seit etwas mehr als 100 Jahren majestätisch erhaben thront.

Nur noch eine Spitzkehre und das Hotel Castell ist erreicht...
Nur noch eine Spitzkehre und das Hotel Castell ist erreicht…

Das ehemalige Kurhotel hat eine bewegte Geschichte hinter sich. So gehörte es einst zu den Top Hotels der Region und machte sogar den Sankt Moritzern Hoteliers ernsthafte Konkurrenz. Weltkriege und Wirtschaftskrisen gingen am Haus aber nicht spurlos vorbei. Als Clubhotel von Hotelplan (die hatten Clubhotels?) erlebte es ab 1968 eine zweite Glanzzeit und mit einer durchschnittlichen Belegung von 100 Prozent Anfang der 70er Jahre einen weiteren Höhepunkt. Die darauffolgende Ölkrise bereitete dem Treiben aber erneut ein abruptes Ende.

Die Zimmergänge: Während sich die Gäste hinter den doppelten Zimmertüren zurückziehen können, gibts im Gang Kunstwerke aus der Sammlung von Ruedi Bechter zu sehen.
Während sich die Hotelgäste hinter doppelten Zimmertüren zurückziehen, gibts im Gang Kunstwerke aus der Sammlung von Ruedi Bechter.
Das Ende des Alphabets von Künstler Martin Kippenberger
Das Ende des Alphabets von Künstler Martin Kippenberger

Heute hat sich das Hotel ganz der Kunst verschrieben, was mir schon beim Betreten des Castell klar wurde. Wieso trägt die stolze Pferdestatue vor dem Eingang Gummistiefel? Und wieso flackert die Lampe immer dann, wenn man das Haus betritt? Wer jetzt jedoch denkt, es handle sich beim Castell um eine Art kitschiges Geisterschloss, täuscht sich. Der Zürcher Unternehmer und Kunstsammler Ruedi Bechtler kaufte das ehemalige Kurhaus vielmehr 1996, renovierte es Schritt für Schritt und bestückt es seither regelmässig mit Schätzen aus seiner privaten Kunstsammlung. Kunst übrigens, die zumindest meistens nicht so abstrakt ist und die für einmal sogar für einen wie mich nachvollziehbar ist.

Zimmereinrichtung des St. Moritzer Künstler Hans-Jörg Ruch: Etwas karg
Zimmereinrichtung des St. Moritzer Künstler Hans-Jörg Ruch: Etwas karg

Überhaupt fällt es schwer, sich im Castell von der Kunst zu lösen. Ob die Zimmer, mit modernen Farben designt vom Amsterdamer UN-Studio oder den ziemlich kargen Zimmern vom St. Moritzer Künstler Hans-Jörg Ruch, die «Rote Bar» von Künstlerin Pipilotti Rist und Architektin Gabrielle Hächler oder die hölzernen Sonnenterasse des Japaners Tadashi Kawamata, der auch die spektakuläre Felsensauna designt hat: Es gibt wenig in diesem Hotel, dass nicht namhaften Künstlern zugeschrieben werden kann. Doch obwohl einem die Kunst durch das ganze Haus begleitet, wirkt sie nie aufdringlich, ja tritt manchmal sogar dermassen in den Hintergrund, dass man mit offenen Augen umhergehen muss, um sie überhaupt zu entdecken.

Das täglich wechselnde 4-Gang-Auswahlmenu sorgt für viele Geschmacksüberraschungen.
Das täglich wechselnde 4-Gang-Auswahlmenu sorgt für viele Geschmacksüberraschungen.

Für den Gaumenschmaus sorgte am ersten Abend das allabendliche, edle 4-Gang-Auswahlmenu, das mir im fast hundertjährigen Speisesaal mit seiner Stuckdecke das Wasser im Mund zusammenlaufen liess oder der Edel-Burger am zweiten Abend in der Lounge der «Roten Bar», wo man danach gleich gemütlich den Abend ausklingen lassen kann. Übrigens egal ob im Speisesaal, an der Bar, an der Reception oder auf dem Hotelflur_ Das Personal im Castell halte ich für mehr als erwähnenswert. Das junge, vorwiegend aus Deutschland stammende Team, ist immer präsent, zuvorkommend und trotzdem dezent. Eine tolle Mischung, auf die ich in letzter Zeit nicht oft gestossen bin und die mich positiv überrascht hat.

Und so, ihr ahnt es bereits, war meine kurze Auszeit ein voller Erfolg. Einfach mal abstellen, einen Spaziergang durch verschneite Landschaften, ins Licht- und Farbenspiel im Skyspace eintauchen, ein Abend im hoteleigenen Kino verbringen und sich auf hohem Niveau kulinarisch verwöhnen lassen. Da kann es schon mal vorkommen, dass ich, ganz weggetaucht, sogar den Besuch im Spa des Castell schlicht und einfach verpasst habe – was ich jetzt wohl einfach auf die auch ohne Spa ganz entspannten Tage zurückführe. Shame on me!

(Disclosure: Der Aufenthalt wurde vom Hotel Castell in Zuoz unterstützt. Herzlichen Dank dafür.)

Im Skyspace Piz Uter von James Turrel lässt sich wunderbar relaxen. Eine Dachöffnung erlaubt aussergewöhnliche Blicke auf Licht- und Farbphönomene des Himmels.
Im Skyspace Piz Uter von James Turrel lässt sich wunderbar relaxen. Eine Dachöffnung erlaubt aussergewöhnliche Blicke auf Licht- und Farbphönomene des Himmels.

 

Verträumt und Mitte Januar fast menschenleer: Zuoz
Verträumt und Mitte Januar fast menschenleer: Zuoz

 

Nach dem Spaziergang: Eine Erfrischung auf der Sonnenterrasse des Hotel Castell
Nach dem Spaziergang: Eine Erfrischung auf der Sonnenterrasse des Hotel Castell

 

Hotel Castell Zuoz - Mit eigenem Eisfeld gleich vor der Sonnenterrasse
Hotel Castell Zuoz – Mit eigenem Eisfeld gleich vor der Sonnenterrasse

1 KOMMENTAR

  1. Du! Sehr schön!

    Aber wie kamen die auf eine „durchschnittliche“ Belegung von 100%? Wenn es mal nicht ganz voll war, kompensierten sie das später mit Feldbetten im Gang, wenn es voll war?

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